Türchen Nr. 7 – Ohren auf Durchzug

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Wir kennen diese Situationen wohl alle: Es wäre echt wichtig, dass der Hund da gerade mal auf den Rückruf hört, oder sitzen bleibt oder mitkommt, aaaaber der hat die „Ohren auf Durchzug“.

Wenn wir das so benennen, dann schwingt da gleichzeitig mit, dass der Hund selbst diesen Durchzug einschaltet und uns mit Absicht nicht zuhört. Aber ist das wirklich so, oder führt uns diese Annahme nur dazu, dass wir dadurch unfaire Maßnahmen rechtfertigen?

Meine Meinung dazu ist ganz klar: Dein Hund ignoriert dich nicht einfach so, mit voller Absicht und schon gar nicht aus Prinzip oder um dich zu ärgern! Wenn dein Hund nicht auf deine Signale reagiert, dann hat das IMMER einen Grund – auch wenn wir den nicht immer nachvollziehen können.

Es gibt ein paar Gründe, die wohl für die meisten dieser „Ohren auf Durchzug“ Momente verantwortlich sind:

– Du hast deinem Hund das Signal (noch) nicht gut genug beigebracht, so dass er gerade gar nicht weiß, was er überhaupt tun soll.
– In dieser Situation ist es für deinen Hund zu schwierig, das gewünschte Verhalten auszuführen, sei das, weil er es körperlich nicht kann, oder weil es zu viel Ablenkung gibt, oder weil er gerade Angst hat.
– Die Belohnung, die er nach der Ausführung des Signals erwartet, ist es für ihn nicht wert, das Verhalten auszuführen.
– Er ist gerade so gestresst, dass sein Gehirn nicht mehr im denkenden Bereich arbeitet, sondern nur noch instinktiv handelt (F-Reaktionen: Fight, Flight, Freeze, Fiddle About, Faint).
– Er hat dich tatsächlich nicht gehört, entweder weil es akustisch gar nicht an seinen Ohren angekommen ist (Umweltgeräusche, Wind, Abstand), oder weil sein Gehirn gerade so auf einen anderen Sinn konzentriert ist, dass es das Gehör komplett ausgeschaltet hat (ja, das ist tatsächlich so, dass bei deinem Hund z.B. beim ganz intensiven Schnüffeln im Gehirn gleichzeitig keine akustischen Reize mehr verarbeitet werden.)

Gehen wir diese (unvollständige) Liste einmal durch, stellen wir fest: Für alle diese Dinge kann dein Hund an sich erstmal nichts – es ist nur logisch, dass er sich so verhält, wie er es tut! Aus seiner Sicht macht er absolut nichts falsch. Auch kann er an all diesen Gründen selbst nichts ändern. Eine Einsicht, dass das Befolgen eines Signals gerade „richtig“ und etwas anderes „falsch“ ist, kann er einfach nicht haben. Das liegt in seiner Natur und ist nichts, was wir ihm vorwerfen oder von ihm erwarten sollten.

Dafür ist es aber so, dass wir als Menschen sehr viel dafür tun können, dass unser Hund in für uns (!) wichtigen Situationen auf unsere Signale hört bzw. hören kann.

Nehmen wir also jeden „Ohren auf Durchzug“ Moment nicht mehr als „Angriff auf unsere Autorität“ (ähm, ja…) wahr, sondern einfach als das, was er ist: Eine Information für uns, dass das gerade zu schwierig für unseren Hund ist.

Denn unsere Hunde tun immer das Beste, was sie gerade tun können – aus ihrer Sicht. Und oft genug ist es so, dass sie sich wirklich wirklich Mühe geben, um ihrem Menschen zu gefallen und zu kooperieren!

Statt sie also zu ver- bzw. beurteilen, denken wir doch lieber um:

Warum kann mein Hund das Verhalten gerade nicht ausführen?
Was kann ich akut tun, damit wir diese Situation trotzdem gut bewältigen können?
Wo im Training kann ich ansetzen, damit es beim nächsten Mal funktioniert?
Kann ich auch einfach abwarten, bis mein Hund wieder bereit ist, mir zuzuhören?
Wie kann ich meinem Hund helfen, damit er solche Situationen gelassener bewältigen kann?
Wie kann ich durch Management verhindern, dass wir in eine Situation kommen, in der mein Hund aus Sicherheitsgründen „hören muss“, es aber nicht leisten kann?

Kommst du also das nächste Mal in eine Situation, in der du denkst „Och neee, jetzt hat er (mal wieder) die Ohren auf Durchzug!“, dann atme einmal ruhig durch und denke dann ganz bewusst daran: „Er tut das nicht mit Absicht, sondern macht eben das Beste, was er aus seiner Sicht gerade tun kann!“ Und dann kannst du eine sinnvolle Lösung für die Akutsituation suchen und dich später daran machen, längerfristige Pläne zu schmieden.

Denn eines braucht ein Hund mit Ohren auf Durchzug am allerwenigsten: Vorwürfe!

Er braucht Unterstützung und vor allem ganz viel Verständnis!

Dieser Beitrag ist Teil des achtsamen Adventskalenders 2019.